Man kann es sich kaum vorstellen, dass Könige, Königinnen, Präsidenten und andere Herrscher ihr eigenes Volk berauben. Dies aber geschieht häufiger als wir denken.

Im Lande IRGENDWO mussten vor langer Zeit sogar Mädchen und Jungen alle Spielsachen zum Schloss bringen und der Königin zu Füßen legen. Wer dies nicht tat, den schleppten die Soldaten heran, mit Prügeln.

Die Königin sagte oft: Was hier im Lande glücklich macht, ist doch für mich allein erdacht!

Stolz und dumm befahl sie schließlich auch noch, einen schönen Stern vom Himmel zu schießen und diesen in ihrem Thronsaal an die Wand zu hängen.

Nun ist das nicht so einfach. Dabei kann manches passieren, unerwartet. Manchmal ereignen sich dann sogar Wunder. Und genau davon, von einem Wunder bei Versuchen, einen Stern vom Himmel zu schießen, berichte ich in meiner nächsten Geschichte.

 

 
 
 

HABSOVIEL

Lese-/Vortragszeit etwa 5 Minuten

 

 
 

Es war mal eine Königin,
die hieß Klothilde Eigensinn

 
 

und hatte große Lagerplätze
für viele tausend schöne Schätze.

 
 

Denn wenn wo wer was Schönes hatte,
so las man im Regierungsblatte,
dann musste er’s zum Schlosse bringen.
Wer dies nicht tat, den ließ sie zwingen.
Den brachten die Soldaten her -
gewaltsam, auch bei Gegenwehr.

 
 

 
 

Am Kragen schleppten die heran
so manches Kind, so manchen Mann.

 
 

Auf Knien mussten alle grüßen
und hatten HABSOVIEL zu Füßen
dann Puppen, Bälle, Kostbarkeiten,
zur freien Auswahl auszubreiten.

 
 

Sie zeigte mit den Fingern drauf
und forderte die Diener auf,
was ihr gefiel dahin zu tragen,
wo schon die andern Schätze lagen.

 
 

Wenn jemand weinte, schimpfte sie:
"Dem Dummkopf fehlt die Phantasie!
Was hier im Lande glücklich macht,
ist doch für mich allein erdacht!"

 
 

So war sie, diese Königin,
sehr dumm und doof als Herrscherin.

 

Sie schwelgte stets im Überfluß
und speiste stündlich mit Genuß.

 
 

Ihr Volk aß bald nur Wassersuppen.
Die Kinder hatten keine Puppen
und keine bunten Bälle mehr.
Sehr viele weinten, klagten sehr.

 
 

Doch, ja, so war es. Leider.

 
 

Dann - eines - Tages staunten alle.
Denn gleichsam einem Feuerballe
erschien ein Stern, ganz hell, ganz klar,
mit Lichterstrahlen, wunderbar.

 
 

Man konnte ihn am Tage sehn.
Die Kinder riefen: Oooh, wie schön!
Die Sonne hat ein Kind gekriegt,
das mit ihr durch den Himmel fliegt!
Das Sonnenkind hat Silberstrahlen,
die unsre Welt ganz neu bemalen!"

 
 

Dies sah und hörte HABSOVIEL
mit Zorn und großem Neidgefühl.

 
 

Sie rief sofort: "Was sehe ich!
Ein Prachtgeschenk! Allein für mich!
Der Stern wird meinen Thronsaal schmücken,
nur mich, die Königin, beglücken!"

 
 

Sie ließ durch viele Boten sagen:
Man soll den Stern zum Schlosse tragen.

 
 

Wer dieses tut, dem geht es gut!

 
 

Man wird ihm hundert Taler geben
und einen Orden noch daneben.

 
 

Die Boten rannten schnell durch’s Land
und machten das Gebot bekannt.

 
 

Fast alle sagten: Dieses nicht!
Der Stern mit seinem Zauberlicht
soll alle Menschen hier erfreun
und nicht die Königin allein!

 
 

Jedoch, wie das so häufig geht,
der Wunsch der dummen Majestät
und auch der Lohn verführten viele.
Die träumten bald schon nur vom Ziele
die hundert Taler zu bekommen
und haben manches unternommen.

 
 

Zwei Männer wollten
gern mit Stangen

den Stern am hohen
Himmel fangen.

 
 

Zwei andre holten
eine Leiter.

Auch diese kamen
so nicht weiter.

 
 

Ein Lassowerfer
dachte sich:

Dies ist ein gutes
Ziel für mich.

Das Lasso flog
in Schlingen hoch.

Der Stern sah zu
und sagte ...buuuh!

 
 

Ein Kletterer
versuchte gar,
trotz allergrößter
Sturzgefahr,

den Stern vom Kirchturm
aus zu fangen –
und konnte nicht
zu ihm gelangen.

Er rief von dort:
"Es ist zu dumm!
Ich krieg ihn nicht!
Warum? Warum??"

 
 

Die Königin war sehr verdrießlich.
Sie schimpfte laut und sagte schließlich:

 
 

Ich will den Stern noch heute haben
und mich an seinem Glanze laben!

 
 

Das will ich heute schon genießen.
Man soll den Stern vom Himmel schießen!"

 
 

Sie rief drei
Wachsoldaten her.
Die kamen mit
dem Schießgewehr -

und schossen Löcher
in die Luft.
Die Pulverkraft war
bald verpufft.

Es machte Bumm
und Bumm und Bumm.
Die drei dort glotzten
ziemlich dumm.

Sie schossen doch schon
vieles tot
mit Kugeln und mit
grobem Schrot.

Nun sagten sie:
"WieWie, WaWas?
Er fällt ja nicht.
Wie kommt denn das?"

Der Stern am Himmel
aber lachte
wie einer, dem man
Ständchen brachte.

 
 

Die Königin rief: "General!
Du großer Held! Nun sag doch mal,
was man in diesem Falle macht.
Ich will nicht, dass der Stern dort lacht!"

 
 

Der General sprach: "Majestät,
wir habe noch ein Schießgerät.
Es heißt KRACHBUMM, die Mordkanone;
die größte ist das zweifelsohne,
mit der man dieses Sternenbiest
wie einen Spatz vom Himmel schießt!"

 
 

"Dann ist", erklärte HABSOVIEL,
"ja alles nur ein Kinderspiel!

 
 

Befehl: An’s Werk mit aller Kraft!
KRACHBUMM, die große, hergeschafft!"

 
 

 
 

Fast zwanzig Pferde zogen kräftig.
Soldaten schimpften, fluchten heftig

 
 

Mit Peitschen schlugen sie drauflos.
Die Not der Pferde wurde groß!

 

Nach Stunden aber war’s soweit.
Die Mordkanone stand bereit.

 
 

Soldaten rannten hin und her.
Das war Befehl. Sie keuchten sehr.

 
 

Man sah, wie sie die Kugel rollten,
mit der sie bald schon schießen wollten.
Sie trugen schwere Pulversäcke.
Die brauchten sie zu diesem Zwecke.
Zehn Zentner luden sie ins Rohr –
und dann die Kugel noch davor.

 
 

Der General sprach sehr zufrieden:
"Nun ist sein Schicksal schnell entschieden.
Der Stern glotzt nicht mehr lange dort!
Ich gebe dir mein Ehrenwort!"

 
 

"Ich seh' ihn schon Himmel fallen!"
rief HABSOVIEL. "Nun lass es knallen!"

 
 

Und alle traten dann ein Stück
vom großen Schießgerät zurück.

 
 

 
 

Das knallte donnerlaut KRACHBUMM !
Soldaten fielen schreiend um.
Soldaten guckten ziemlich dumm

 
 

und irrten dann minutenlang
durch Pulverdampf und Schießgestank.

 
 

Die machten alles rabenschwarz
und klebten fest wie Pech und Harz.

   
 

Sogar der Stern bekam was ab:
Die Hälfte sah jetzt schwarz herab.

 
 

Die Kugel war vorbeigeflogen
und hatte einen Strahl verbogen.

 
 

Die Königin, der General,
Soldaten auch in großer Zahl,
die standen lange taub und stumm
beim großen Schießgerät herum.

 
 

Dem ganzen Volk war nichts geschehn.
Es hat von weitem zugesehn.

 
 

Die Menschen sprachen ein Gebet
für HABSOVIEL, die Majestät.

 
 

Ein Mann rief laut: "Du lieber Gott,
verzeih ihr bitte Hohn und Spott!
Bekehre sie und mach sie gut,
damit sie nie mehr Böses tut!"

 
 

Und so ist alles dann gekommen,
denn Gott hat diesen Ruf vernommen.

 
 

Die negerschwarze Königin
trat mutig vor die Menschen hin.

 
 

Und sie erklärte: "General,
ich treffe heute diese Wahl:
Du bist seit heute Bademeister
und scheuerst gründlich Schmutz und Kleister
von allen anderen Soldaten.
Beginn sofort mit diesen Taten!"

 
 

Dann wankte sie zum Schloss zurück,
betrübt, erschöpft, mit Tränenblick -
und wusch sich sieben Tage lang.
So lange war sie ziemlich krank.

 
 

Drei Regenwolken putzten gern
das Sonnenkind, den neuen Stern.
Der strahlte bald wie vorher schon
und schenkte allen Glanz als Lohn.

   
 

Auch HABSOVIEL, die Königin,
erlebte einen Neubeginn.

   
 

Sie sagte laut: "Ich war sehr dumm
und weiß nun endlich auch, warum.

   
 

Ich will nicht mehr die Reichste sein.
Es macht mir Freude schon allein
wenn andre Menschen fröhlich lachen
und glücklich sind mit schönen Sachen.

   
 

Ihr Volk war glücklich lange Zeit
und stets zu Lob und Dank bereit.

   
 

Das ist doch schon ein schöner Lohn.

   
 

Man aß dort nie mehr Wassersuppen.
Die Kinder hatten wieder Puppen
und viele bunte Spielzeugsachen,
die Freude und Vergnügen machen.

   
 

Den dummen Namen HABSOVIEL,
der passend war und ihr gefiel,

   
 

den hatte man schon bald vergessen.
Die Menschen sagten nun statt dessen:

   
 

Die Königin heißt HAB...
HABNICHT...
HABNICHT...?

   
 

Ihr Kinder, helft und lasst das Lachen.
Vielleicht könnt ihr es besser machen!

   
 

Vielleicht erratet ihr den Namen,
auf den die Menschen damals kamen.

   
 

Genau! So war’s! Frau HABNICHTVIEL.
Ein neuer Mensch mit neuem Ziel.

   
 

Denn nunmehr galt in ihrem Leben:
Nicht immer nehmen, lieber geben.

   
 

Und oft hat sie den Spruch zitiert:
Wer gibt, bekommt. Wer nimmt, verliert!

   
 

Das Sonnenkind, der neue Stern,
vernahm die schönen Worte gern.

   
 

Er schenkte ihr ein frohes Herz,
viel Freud im Glück, viel Trost im Schmerz.

   
 

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