Ein reicher Mann kann in Wirklichkeit sehr arm sein.

So war das auch bei einem reichen Kaiser in China, der Chin Chun Chan hieß und vor langer Zeit gelebt haben soll.

Wäre da nicht ein kleiner Vogel gewesen und hätten seine Tochter Chin und sein Sohn Chun ihm nicht geholfen, dann wäre Chin Chun Chan wohl sein Leben lang ein reicher armer Kaiser geblieben.

Wie es geschah, dass er schließlich doch noch glücklich wurde, erzähle ich in der nächsten Geschichte für kleine Mädchen und Jungen.

Wieso eigentlich nur für diese?

 
     
 

Das Vögelchen im goldenen Käfig

 
 

Lese-/Vortragszeit etwa 6 Minuten.

 
     
 

In China lebte irgendwann
der reiche Kaiser Chin Chun Chan.

   
 

Der kannte nur die Farbe Gold
und hatte immer sehr gegrollt,

   
 

wenn etwas nicht vergoldet war.
Nur Goldnes fand er wunderbar.

   
 

Aus Gold bestand die Kaiserkrone.
Er saß auf purpurgoldnem Throne.

   
 

Des großen Schlosses Glitzerpracht
war ganz aus blankem Gold gemacht.

     
 

Kein Wunder, dass der Kaiser dachte,
als man ihm einst ein Vöglein brachte:

 
     
 

Der liebe kleine Piepmatz hier
bekommt ein goldenes Revier.

 
     
 

Ich lasse diesen Knirps dressieren.
Dann wird er singen, jubilieren,

 
     
 

wird jeden Tag sehr glücklich sein
und alle mit Gesang erfreun.

 
     
 

Der Kaiser hatte gleich befohlen,
den schönsten Käfig herzuholen,

 
     
 

aus Gold, mit großem Edelstein
und Stangen ganz aus Elfenbein.

 
     
 

Dort saß das kleine Vöglein dann
und guckte alle ängstlich an,

   
 

den Kaiser und die Kaiserin,
die Kaiserkinder Chun und Chin,

   
 

den Vogeldoktor - und dazu
Musikprofessor Mu Si Fu.

   
 

Denn dieser saß vorm Vogelbauer,
nun wie ein Kater auf der Lauer.

   
 

Er pfiff die schönsten Chinalieder
und sagte dabei immer wieder,

   
 

dass auch der Vogel pfeifen sollte,
so lieblich, wie der Mann es wollte.

     
 

Jedoch - das Vögelchen blieb stumm
und alle fragten bald: Warum?

 
     
 

Der Kaiser sagte:"Ist doch klar.
Hier glänzt jetzt alles wunderbar,

 
     
 

die Vogelfedern aber nicht.
Seht nur das trauriges Gesicht!

 
     
 

Schon lange denke ich daran,
wie man auch die vergolden kann."

 
     
 

So ging das tage-, wochenlang.
Das Vöglein wurde schwach und krank.

 
     
 

Nur einmal hat es PIEP gemacht
in all der goldnen Glitzerpracht.

 
     
 

Der Herr Professor Mu Si Fu
war sehr erfreut und sprach:"Nanu!

 
     
 

Ich dachte schon, es wäre stumm,
zum Singen leider viel zu dumm.

 
     
 

Vielleicht, wenn das so weitergeht,
kann dieser Knirps der Majestät

 
     
 

schon bald in Demut Freude bringen,
ein kleines Piep-Piep-Liedchen singen."

 
     
 

Der Tölpel! Kinder, was meint Ihr?
Was hat man bei dem armen Tier

 
     
 

im fernen China falsch gemacht?
Woran hat man dort nicht gedacht?

 
     
 

Genau! Dem Vogel fehlte Freiheit!
Ein goldner Käfig, kaum zwei Hand breit,

 
     
 

war ein Gefängnis allemal,
für jeden Vogel eine Qual!

 
     
 

Doch hört nun, was dort noch passierte
und ob sich Chin Chun Chan blamierte.

   
 

Denn eines Abends, vor dem Essen,
da hat ein Diener es vergessen:

   
 

Die Käfigtür war nicht verschlossen,
als alle süßes Mus genossen.

   
 

Das Vöglein flog in großer Hast
durch’s Fenster aus dem Goldpalast.

   
 

Der reiche Kaiser Chin Chun Chan
sah seinen Diener böse an.

 
     
 

Vor Ärger hat er sich verschluckt,
das Mus dann wieder ausgespuckt.

 
     
 

Und nachts bedrängten ihn die Sorgen.
Er träumte stöhnend bis zum Morgen

 
     
 

von goldnen Vögeln, groß wie Raben,
die ihn beinah gefressen haben.

 
     
 

Die Vögel hatten goldne Schnäbel
und stachen ihn wie goldne Säbel.

 
     
 

Sie ließen goldne Eier fallen.
Ihn traf das größte gleich von allen,

 
     
 

genau am Kopf. - und sprang entzwei,
bedeckte ihn mit goldnem Brei.

 
     
 

Ein ekelhafter fremder Duft
vermieste seine Atemluft.

 
     
 

Er rief Pfuibäää zum Goldgestank
und war im Traum bedenklich krank.

 
     
 

Noch früh am Tage stöhnte er:
Ein Kaiser hat es schrecklich schwer!

 
     
     
 

Doch plötzlich sprang er aus dem Bette,
als wenn ihn was gebissen hätte,

 
     
 

und zwar sehr heftig, irgendwo
am kaiserlichen Goldpopo.

 
     
 

In seine Glitzerkammer drang
ein lauter, fröhlicher Gesang.

 
     
 

Er rief zuerst:"Da sind Gespenster
vor meinem großen goldnen Fenster."

 
     
 

Dann traute er den Augen kaum. –
Das Vöglein saß im Mandelbaum.

 
     
 

Es jubilierte, sang so fröhlich,
dass Kaiser Chin Chun Chan glückselig

 
     
 

minutenlang die Augen schloss
und alle Melodien genoss.

 
     
 

Er rief erregt die Kaiserin
und seine Kinder Chun und Chin.

 
     
 

Die kamen schnell im Nachtgewand.
Dann standen alle Hand in Hand.

 
     
 

Das Vöglein war so wunderschön.
Man konnte seine Äuglein sehn.

   
 

Es sang in jedes Herz hinein:
Seht doch den hellen Sonnenschein!

   
 

Ich wünsche einen guten Morgen.
Vergesst die Nacht und alle Sorgen!

   
 

In Freiheit kann ich fröhlich singen
und allen Menschen Freude bringen!

     
 

Der Kaiser sagte: "Oooh... Wie schön...
Ich kann... Ich kann ja Farben sehn!

 
     
 

Bis jetzt war ich in Gold verliebt.
Nun seh ich, dass es andre gibt -

 
 

 

und wüsste gern, wie man sie nennt.
Nun sagt mir schnell, ob ihr die kennt."

 
     
 

Die Kaiserkinder Chun und Chin,
die zeigten mit den Fingern hin.

 
     
 

"Der Baum ist grün, das sieht doch jeder,
wie eine Papageienfeder.

 
     
 

Die Blumen hier im Silbertau
sind weiß und gelb – und rot und blau!

 
 

 

Die ganze Welt ist bunt und schön!
Wir können hundert Farben sehn!"

 
     
 

Der Chinakaiser Chin Chun Chan
sah seine Kinder dankbar an,

 
     
 

die Tochter Chin, und Chun, den Sohn.
Er ließ den goldnen Kaiserthron

 
     
 

sofort in seinen Garten bringen.
Dort hörte er das Vöglein singen,

 
     
 

sah bunte Blumen, grüne Bäume,
und hatte nur noch schöne Träume.

 
     
 

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